[Referenz]
Vor dem Hintergrund gedächtnispsychologischer Vorstellungen über das Lernen verbalen Materials (Wortlisten, Sätze, Texte) und der Textverstehensmodelle von
Kintsch und van Dijk (1978),
van Dijk und Kintsch (1983) sowie
Kintsch (1988)
erschient diese Annahme der kognitiven Plausibilität allerdings wenig plausibel. Demnach ist die linear-hierarchische Strukturierung von Texten nicht als eine durch das lineare Medium auferlegte Beschränkung anzusehen, sondern vielmehr ein sinnvolles Prinzip der wissensvermittlung. Die in traditionellen Texten vorliegende lernerleichternde Vorstrukturierung des Materials ist in Hypertexten nicht gegeben. Das Lernen mit Hypertexten sollte also entgegen dem Argument der kognitiven Plausibilität - zumindest bei niedrigem Vorwissen der Lernenden - zu schlechterem Verstehen des Inhaltes führen als das Lernen mit einem gut strukturierten Text. Ist beim Lernenden schon umfangreiches Vorwissen vorhanden, dann sollte die strukturierte, kohärente Darbietung des zu lernenden Materials immer unwichtiger für den Verstehensprozess werden. Das Vorwissen kann den Aufbau der Textbedeutung ("Situationsmodell") unterstützen: Es ermöglicht das Schliessen von Kohärenzlücken, unterstützt die Einordnung der relativen Wichtigkeit einzelner Informationen in den Gesamtzusammenhang und liefert einen interpretativen Rahmen, in den die einzelnen Informationen eingeordnet werden können. Diese Überlegungen führen zu der Annahme, dass das Lernen mit unstrukturierten Hypertexten im Vergleich zu hierarchisch strukturierten Texten um so mehr Probleme bereitet, je weniger Vorwissen bei der Leserin vorhanden ist. Mit zunehmendem Vorwissen sollten die Unterschiede zwischen Text und Hypertext immer geringer werden.
Diese Hypothesen wurden in zwei Experimenten mit unterschiedlichen Gegenstandsbereichen ("Geschichte der Geologie", "Sofies Welt") untersucht, indem jeweils eine Hypertextversion der entsprechenden Textversion gegenüber gestellt wurde. Erhoben wurde der nach dem Lernen vorliegende Wissensumfang mittels eines Fragebogens, die Güte der aufgebauten globalen und lokalen Wissensstruktur sowie die subjektive Beurteilung (nur in Experiment 1: Geschichte der Geologie) der Textversion durch die Versuchspersonen. Die Ergebnisse der beiden Untersuchungen lassen sich folgendermassen zusammenfassen:
In der Hypertext-Literatur wird die Überlegenheit von Hypertexten über traditionelle Texte mit dem Argument der kognitiven Plausibilität begründet. Dieses Argument besagt, dass Wissen im menschlichen Gedächtnis vernetzt repräsentiert ist und in Hypertexten seine externe Entsprechung findet. Der lernerleichternde Effekt von Hypertext gegenüber Text wird damit begründet, dass Wissen durch Hypertexte direkt vernetzt aufgenommen werden kann, während beim Lesen eines traditionellen Textes die Inhalte erst delinearisiert werden müssen, um in eine vernetzte, dem Sachverhalt entsprechende Wissensstruktur überführt werden zu können.
[perzept][Hypertext-Inhalt]
[Hypertext-Forschung]