[perzept][Hypertext-Inhalt] [Hypertext-Forschung]

Gerdes
(1997)

[Referenz]

In der Hypertext-Literatur wird die Überlegenheit von Hypertexten über traditionelle Texte mit dem Argument der kognitiven Plausibilität begründet. Dieses Argument besagt, dass Wissen im menschlichen Gedächtnis vernetzt repräsentiert ist und in Hypertexten seine externe Entsprechung findet. Der lernerleichternde Effekt von Hypertext gegenüber Text wird damit begründet, dass Wissen durch Hypertexte direkt vernetzt aufgenommen werden kann, während beim Lesen eines traditionellen Textes die Inhalte erst delinearisiert werden müssen, um in eine vernetzte, dem Sachverhalt entsprechende Wissensstruktur überführt werden zu können.

Vor dem Hintergrund gedächtnispsychologischer Vorstellungen über das Lernen verbalen Materials (Wortlisten, Sätze, Texte) und der Textverstehensmodelle von Kintsch und van Dijk (1978), van Dijk und Kintsch (1983) sowie Kintsch (1988) erschient diese Annahme der kognitiven Plausibilität allerdings wenig plausibel. Demnach ist die linear-hierarchische Strukturierung von Texten nicht als eine durch das lineare Medium auferlegte Beschränkung anzusehen, sondern vielmehr ein sinnvolles Prinzip der wissensvermittlung. Die in traditionellen Texten vorliegende lernerleichternde Vorstrukturierung des Materials ist in Hypertexten nicht gegeben. Das Lernen mit Hypertexten sollte also entgegen dem Argument der kognitiven Plausibilität - zumindest bei niedrigem Vorwissen der Lernenden - zu schlechterem Verstehen des Inhaltes führen als das Lernen mit einem gut strukturierten Text. Ist beim Lernenden schon umfangreiches Vorwissen vorhanden, dann sollte die strukturierte, kohärente Darbietung des zu lernenden Materials immer unwichtiger für den Verstehensprozess werden. Das Vorwissen kann den Aufbau der Textbedeutung ("Situationsmodell") unterstützen: Es ermöglicht das Schliessen von Kohärenzlücken, unterstützt die Einordnung der relativen Wichtigkeit einzelner Informationen in den Gesamtzusammenhang und liefert einen interpretativen Rahmen, in den die einzelnen Informationen eingeordnet werden können. Diese Überlegungen führen zu der Annahme, dass das Lernen mit unstrukturierten Hypertexten im Vergleich zu hierarchisch strukturierten Texten um so mehr Probleme bereitet, je weniger Vorwissen bei der Leserin vorhanden ist. Mit zunehmendem Vorwissen sollten die Unterschiede zwischen Text und Hypertext immer geringer werden.

Diese Hypothesen wurden in zwei Experimenten mit unterschiedlichen Gegenstandsbereichen ("Geschichte der Geologie", "Sofies Welt") untersucht, indem jeweils eine Hypertextversion der entsprechenden Textversion gegenüber gestellt wurde. Erhoben wurde der nach dem Lernen vorliegende Wissensumfang mittels eines Fragebogens, die Güte der aufgebauten globalen und lokalen Wissensstruktur sowie die subjektive Beurteilung (nur in Experiment 1: Geschichte der Geologie) der Textversion durch die Versuchspersonen. Die Ergebnisse der beiden Untersuchungen lassen sich folgendermassen zusammenfassen:

  • In beiden Experimenten stimmte die während des Lernens aufgebaute globale Wissensstruktur besser mit der inhaltlichen (also vernetzten) Textstruktur überein, wenn mit dem linearen Text gelernt worden war. Dieses Ergebnis spricht eindeutig gegen das, was aufgrund der Hypothese der kognitiven Plausibilität zu erwarten gewesen wäre.
  • In beiden Experimenten konnte mit der linearen Textversion insgesamt gesehen mehr Wissen erworben werden als mit dem entsprechenden Hypertext. Dies spricht eindeutig gegen die Annahme, Hypertext sei generell besser zum Lernen geeignet als linearer Text.
  • Berücksichtigt man nur diejenigen abhängigen Variablen, in denen am ehesten so etwas wie das Verstehen des Textinhaltes zum Ausdruck kommt, dann zeigt sich in beiden Experimenten eine Interaktion von Vorwissen und Textart. Bei niedrigem Vorwissen konnte nach dem Lesen des Hypertextes wesentlich weniger reproduziert werden als nach dem Lesen des linearen Textes. Das Fehlen vorstrukturierender Elemente hat also unter dieser Voraussetzung besonders drastische Konsequenzen für den Wissenserwerb. Mit zunehmendem Vorwissen führt das Lernen mit dem Hypertext zu zunehmend besseren Lernergebnissen als das Lernen mit dem linearen Text. Vergleicht man das Ausmass des Zusammenhanges von Vorwissen und Textverstehen in den Gruppen (Hypertext, linearer Text), dann ist dieses in den Gruppen, die mit dem Hypertext gelernt hatten, wesentlich deutlicher ausgeprägt als in den Gruppen, die mit einem linearen Text gelernt hatten. Das kann aber nur bedeuten, dass beim Lesen eines linearen Textes das ausmaÛ des Vorwissens weniger relevant für den Lernerfolg ist als beim Lernen mit einem Hypertext.
  • Anders als bei den oben beschriebenen, objektiven Performanzmessungen sieht das Ergebnismuster bei der subjektiven Bewertung der beiden Textarten durch die Versuchspersonen aus: Obwohl weniger gelernt wurde, wird der Hypertext in Experiment 1 (Geschichte der Geologie) besser beurteilt als die entsprechende lineare Textversion. Dieses Ergebnis lässt natürlich diejenigen Studien fragwürdig erscheinen, in denen alleine subjektive Beurteilungen die Entscheidungsgrundlage für die Bewertung einer Lehr- oder Lehrmethode darstellen, wie z.B. bei der Evaluation der Hypertext-Systeme Intermedia und Perseus. Sicherlich darf man den Einfluss der Zufriedenheit der Lernenden mit der Lehrmethode oder mit dem die Information übermittelnden Medium nicht unterschätzen. Dennoch muss sichergestellt sein, dass auch objektiv gesehen etwas gelernt wird. Idealerweise wird eine Lehrmethode auf beiden Bewertungsdimensionen gleichermaÛen gut und besser als die mit ihr verglichenen Lehrmethoden abschneiden.


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