[Lernen mit Hypertext]


Hypothese der kognitiven Plausibilität:
Kritik an den 3 Annahmen

Annahme 1:
Die nicht-lineare Struktur der Repräsentation von Wissen in Hypertexten entspricht der vernetzten Struktur der mentalen Wissensrepräsentation.


Hypertext als eine Form der Wissensmodellierung anzusehen, bei der die Hypertext-Knoten die Wissens-Elemente und die Links die Relationen zwischen diesen Wissens-Elementen repräsentieren, ist durchaus legitim. Bevorzugt wird dabei auf gedächtnistheoretische Netzwerkmodelle, Schematheorien oder mentale Modelle verwiesen.

Hypertexte in die Nähe dieser Theorien zu rücken, ist aber aus mehreren Gründen problematisch. Das schwerwiegendste Problem besteht darin, daß sich einige dazu verleiten lassen, die Analogie zwischen Hypertext und gedächtnispsychologischer Theorie nicht nur auf die Strukturannahmen zu beschränken, sondern sie auf die Prozeßkomponenten dieser Theorien auszuweiten. Aussagen wie "Hypertext products mimic the brain`s ability to store and retrieve information by referential links for quick and intuitive access." (Fiderio, 1988) oder "Hypertext will help us get our on-line text organized in a new way, following associative trails that are more like the way human memory operates." (Horn, 1989) deuten dies an.

Da Hypertexte aber nur eine strukturierte Datenbasis sind und im Gegensatz zu Computer-Simulationen der oben genannten Gedächtnistheorien eben keine Regeln bzw. auf ihnen operierenden Prozesse beinhalten, ist diese Analogie äußerst fragwürdig.

Beschränkt man sich auf die strukturelle Analogie der ersten Annahme, kann sie durchaus akzeptiert werden. Dies liefert aber noch keine Begründung, warum Hypertext besser zur Kommunikation von Wissen geeignet sein könnte als Text. Das wird erst möglich, wenn Annahmen über einen Produktions- bzw. Externalisierungsaspekt (Annahme 2) und einen Rezeptions- bzw. Internalisierungsaspekt (Annahme 3) gemacht werden.


Annahme 2:
Die Autorin kann ihre mentale Wissensstruktur, die als vernetzt strukturiert angenommen wird, direkt in Hypertext abbilden, ohne wie bei der traditionellen Textproduktion den Umweg über die Linearisierung nehmen zu müssen.


In Annahme 2 kommt die Überzeugung zum Ausdruck, daß eine Autorin ihre mentale Wissensstruktur in einen Hypertext überführen kann. Baird (1989, S. 81) beschreibt diesen Externalisierungsprozeß folgendermaßen:

"The author has a particular chunk of information he wishes to communicate to the reader. This information exist in the author´s head as a network of related points. [...] For a hypertext the author is not obliged to cut out all the network links to form a strict hierarchy, and then lay out the hierarchy in a linear form. Instead, the information can be put into the hypertext in the same structure as it is in the author´s head."

Diese zweite Annahme ist aus mehreren Gründen problematisch. Zum einen muß in Frage gestellt werden, ob es für die Autorin wirklich einfacher ist, einen vernetzten Hypertext zu schreiben als einen linearen Text. Mit genauso großer Berechtigung kann die entgegengesetzte Position vertreten werden, daß nämlich das Schreiben eines Hypertextes größere kognitive Anforderungen an die Autorin stellt als das Schreiben eines linearen Textes. Ein zweites Problem ergibt sich durch die Beschränkungen des Hypertext-Konzeptes selber. Es ist fraglich, ob durch die Hypertext-Links auch alle diejenigen Relationen adäquat ausgedrückt werden können, die die Elemente einer mental repräsentierten Wissensstruktur zueinander in Beziehung setzen bzw. einem normalen Text Kohärenz verleihen.


Annahme 3:
Beim Lesen von nicht-linearen Hypertexten entfällt der Prozeß der Delinearisierung. Wissen kann direkt vernetzt aufgenommen werden.


Genauso verlockend, vielversprechend und plausibel die dritte Annahme über die direkte Internalisierung von Wissen mit Hypertexten auf den ersten Blick auch erscheinen mag, genauso offensichtlich ist sie auch falsch. Eine extern gegebene Informationsstruktur kann nicht als Einheit direkt in eine interne, kognitiv repräsentierte Wissensstruktur überführt werden. Hinter diesem Argument steht wohl die Vision, die schon Bush (1945) vorschwebte:

"In the outside world, all forms of intelligence, whether of sound or sight, have been reduced to the form of varying currents in an electric circuit in order that they may be transmitted. Inside the human frame exactly the same sort of process occurs. Must we always transform to mechanical movements in order to proceed from one electrical phenomenon to another? It is a suggestive thought, but it hardly warrants prediction without losing touch with reality and immediateness."

Natürlich ist auch das Lesen eines Hypertextes immer (noch?) ein in der Zeit stattfindender, sequentieller Prozeß, d.h. auch der Hypertext kann nur Knoten für Knoten, einer nach dem anderen, gelesen werden. Hypertexte sollten folglich eher als "multi-lineare" Medien und nicht als "nicht-lineare" Medien bezeichnet werden. Diese Multi-Linearität hat sowohl einen intraindividuellen (in jedem Lesedurchgang wird ein anderer Pfad genommen) als auch einen interindividuellen Aspekt (jede Leserin geht einen anderen Pfad). Die Diskussion über den Erwerb von Wissen mit Hypertexten muß also von einem anderen Standpunkt als dem der strukturellen Ähnlichkeit von extern repräsentierter und mentaler Wissensstruktur aus geführt werden. Es reicht nicht aus, einfach nur von "direkter Internalisierung" zu sprechen und somit den Prozeß der Wissensaufnahme zu vernachlässigen. Anstatt lediglich von strukturellen, statisch gegebenen Übereinstimmungen zwischen Hypertext und Wissen auszugehen, müssen die Auswirkungen der Hypertextstruktur auf den Prozeß der Wissensaufnahme hinsichtlich der mentalen Strukturbildung ins Zentrum der Analyse gerückt werden.

Hier finden Sie eine graphische Veranschaulichung der drei Annahmen der Hypothese der kognitiven Plausibilität von Hypertext.


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